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Fragend schreiten wir voran...

…Über Uns, Medizin und warum wir tun was wir tun

weihnachtsstern.jpg Als wir anfingen, Medizin zu studieren, hatten viele von uns den Wunsch, etwas vom Heilen zu lernen. Im Laufe unseres Studiums müssen wir durch so viele Pflichtkurse wandern, wie in keinem anderen Studiengang.
Wir studieren den Aufbau und die Funktionsweise des menschlichen Körpers genauestens, die Fehler, die sich möglicherweise in sein Programm einschleichen könnten und die Folgen, die daraus entstehen; in welchen Krankheitsbildern sie sich dann äußern können, wie man diese diagnostiziert und schließlich, mit welchen Mitteln und Mittelchen man sie therapiert. Doch wo bleibt das Heilen?

Wir erfahren, dass die Medizin ihren festen Platz unter den Naturwissenschaften hat. Damit beleuchten wir aber nur eine Seite von ihr und lassen so vieles, wofür Medizin noch steht und was sie an sozialen und gesellschaftlichen Aufgaben noch zu erfüllen hat, unter den Tisch fallen.
Jedes medizinische System ist Teil der jeweiligen Kultur und verändert sich entsprechend deren Bedürfnissen. So ist auch „unsere“ Medizin, die „westliche“ oder „Schul“-medizin nicht frei von kulturellen Setzungen sondern ein Abbild unserer Gesellschaft. Sie hat (und damit wir als zukünftige Ärzt_innen ebenso) Bedürfnisse der Gesellschaft, in der wir leben, zu befriedigen. Daraus kann man folgern, dass eine der Schlüsselfunktionen unseres medizinischen Systems darin besteht, diejenigen Menschen, die durch Erkranken als Arbeitskraft ausfallen, möglichst schnell soweit wiederherzustellen, dass sie dem Markt wieder einsatzbereit zur Verfügung stehen.
In anderen Kulturen werden die gesellschaftlichen Prioritäten oft ganz anders gesetzt als hierzulande, was zur Folge hat, dass die dortige Medizin ganz andere Aufgaben zu erfüllen hat als bei uns. Bei einigen Kulturen Lateinamerikas gibt es beispielsweise die Denkfigur des „Seelenverlustes“, die davon ausgeht, dass dem Menschen mehrere Seelen innewohnen, und dass bestimmte Krankheiten Ausdruck einer verlorenen Seele sind. Folglich setzt sich der Heilkundige zum Ziel, die verlorengegangene Seele zurückzuholen. Auf diesem Wege, der für uns wie ein unverständlicher Zauber anmutet, wird schließlich der/die Patient_in behandelt.

Ein Teil der Werte, an denen wir uns als angehende Heilberufler_innen zu orientieren haben, werden sehr eindrucksvoll durch die medizinische Sprache, die wir tagtäglich benutzen, veranschaulicht. Genauso können wir an ihr auch die verschiedenen Entwicklungen, Wandlungen und Brüche, sowohl unseres medizinischen Systems, als auch unserer Kultur und Gesellschaft ablesen.
Spätestens mit dem Eintritt in das Industriezeitalter wich der Begriff des Heilens in der traditionellen, hippokratischen Medizin Europas der Vorstellung des Reparierens in der modernen Medizin. Die Metaphern dieser Epoche sind dem technischen Zeitalter eines Newton verpflichtet, dem Maschinenzeitalter. Wir hören es zum Beispiel an Begriffen wie Blutkreislauf, Ventrikel oder Herzklappe.
Weiterhin wich Heilen auch der sehr dominanten Vorstellung des Bekämpfens. Formulierungen wie Tumorbekämpfung, feindliches Gewebe, das es zu beschießen oder auszurotten gilt, Killerzellen, Schießscheibenzellen u.s.w. stehen für eine Sprache, die der Kriegsführung näher steht als dem Heilwesen. Mit der Globalisierung und der daraus entstandenen Forderung an jedes einzelne Individuum sich den neuen Gegebenheiten und insbesondere den Anforderungen von Markt und Produktion anzupassen, rückt die Ökonomisierung von Gesundheit, Krankheit und damit auch des Heilens in den Mittelpunkt.
Vor allem uns als angehende Ärzt_innen, wird immer wieder gelehrt, wir sollten den/die Patient_in als Kund_in sehen und unsere eigentliche Aufgabe, das Heilen, als einen Vorgang begreifen der einer strengen Bilanzierungslogik aus Gewinn und Verlust von Ressourcen zu folgen hat.

Der allseits gewünschte empirische Objektivitätsanspruch ließ das menschliche Individuum zum Objekt werden und „Krank-sein“ wurde durch „Krank-heit(en)“ ersetzt, was bedeutete, dass der Mensch in seiner Gesamtheit immer mehr aus den Augen verloren wurde. Dies versperrte uns zunehmend den Zugang zu dem was wir unserem Anspruch nach sind: mehr als ein/e Dienstleister_in. Stattdessen wird sich auf die Wiederherstellung kleiner und kleinster Teile, in immer größerer Perfektion, zu möglichst marktgünstigen Konditionen konzentriert und der Erfolg vor allem darin gesehen, Arbeitskraft und Produktivität der Menschen wiederherzustellen damit sie der Verwertungslogik im Sinne des Marktes nützlich sind.

Natürlich stellt sich die Frage, wo wir den Blick für`s Ganze und den über den Tellerrand (wieder-) erlernen können, genauso wie soziale Kompetenz, derer wir als Ärzt_innen so dringend bedürfen, und nicht zuletzt die Fähigkeit zum Heilen.
Der Basisgruppe Medizin ist es wichtig zu erkennen und zu verstehen, dass Medizin nicht isoliert und losgelöst von der Gesellschaft betrachtet und studiert werden kann.

Wie bereits weiter oben beschrieben, stellt die Medizin ein Spiegelbild der jeweils herrschenden Gesellschaft dar. Das bedeutet, dass uns als angehende Ärzt_innen eine bestimmte (soziale) Rolle zugewiesen wird, ob wir wollen oder nicht. Somit sind Neutralität und Unabhängigkeit in diesem Beruf auch nicht wirklich möglich. Viel eher scheint es sich dabei um ein Nichtwahrhabenwollen des eigenen Eingebundenseins und der eigenen Verantwortung als (angehende/r) Ärzt_in im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu handeln.
Wir stellen immer wieder fest, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen persönlicher Lebenssituation, Sozialstatus, Morbidität und Mortalität gibt. Rudolph Virchow (1821-1902), der Begründer der Zellpathologie, hatte 1849 nach einer Typhusepidemie in Oberschlesien erkannt, dass selbst die beste Medizin nichts hilft, wenn sich die Lebensumstände der Menschen (Armut, Hygiene, Freiheit und Bildung) nicht ändern.
Er forderte, dass „Schritte zur Gesundheitsförderung und Krankheitsbekämpfung sowohl medizinischer als auch sozialer Art sein müssen“.
Im 20. Jahrhundert sind in Deutschland und anderen westlichen Ländern viele Studien zur Erforschung von sozialen und medizinischen Zusammenhängen angelegt worden. Die New-Haven-Studie (USA, 1958) beispielsweise fand heraus, dass eine stark erhöhte Prävalenz psychotischer Erkrankungen in der „sozialen Unterschicht“ besteht. Zwei Interpretationen dieser Ergebnisse stehen sich gegenüber: Die Milieuthese geht von einer größeren Belastung der Unterschichtpopulation infolge ihrer unterpriviligierten Stellung als Risikoursache aus, die Selektionshypothese hingegen davon, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen verstärkt einen sozialen Abstieg hinnehmen müssen.

Beide Hypothesen stimmen darin überein, dass sie, die in unserer Gesellschaft bestehende soziale Schichtung, die damit verbundenen Chancenungleichheiten und Ungerechtigkeiten als wesentliche Ursache für erhöhte Krankheitsanfälligkeit mitverantwortlich machen.
Jedoch sind gesellschaftliche Realitäten und herrschende Verhältnisse nicht das Ergebnis eines unabänderlichen Vorgangs. Sie können gestaltet, verändert und verbessert werden. Deshalb ist es gerade für uns Mediziner_innen enorm wichtig, sich mit den bestehenden Strukturen, Herrschaftsverhältnissen und Rollenverteilungen kritisch auseinander zu setzen. Die Auseinandersetzung mit den herrschenden Verhältnissen, mit dem was uns direkt oder indirekt umgibt ist die Vorraussetzung für soziales und politisches Handeln.

Die Verhältnisse zu hinterfragen, wo es nötig ist sie zu kritisieren und wo es möglich ist zu verändert, ist unser Ziel. Wir haben es auch noch nicht aufgegeben, das uns aufgezwungene Lebenskonzept ein wenig aufzubrechen und Strategien für ein selbstbestimmtes Leben zu entwickeln.
Darüber hinaus wollen wir mit (mal mehr, mal weniger spektakulären) Aktionen auf bestehende politische und gesellschaftliche Missstände hinweisen, durch praktisches Handeln selber etwas tun, uns Freiräume erkämpfen und diese dann mit Enthusiasmus, Spaß und Lebensfreude füllen.

[BG-MED] Herbst 2006


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