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Studienanfänger_innen

Herzlich Willkommen in Göttingen!

Schön, dass Du den Weg auf diese Seite gefunden hast. Zu deinem ersten Schul… ähm… Studientag wünschen wir dir viel Glück. Egal ob du durch die ZVS hierher verschlagen wurdest oder aus freien Stücken hier bist - Göttingen bietet viel, auch abseits von Campus und Gänseliesel. Zum Beispiel uns, die Basisgruppe Medizin, gerne helfen wir dir bei deinen Fragen rund um Studium und Stadt weiter. Auf unserer Website findest Du Artikel rund ums Studium und darüber hinaus. Außerdem kannst Du hier nachlesen wer wir sind, sowie einige Dinge von dem was wir bisher gemacht haben.

Während des Semesters erscheinen politisch orientierte Publikationen von uns - halt einfach die Augen offen, was vor der Bib oder anderswo ausliegt.


Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Wie sich Werbegeschenke auf das Konsum-­und Verschreibungsverhalten von (künftigen) Ärzt_innen auswirken

Gleich zu Beginn der O­Phase wird man stolze_r Besitzer_in unzähliger Kugelschreiber, Leinenbeutel, Zettelblöcke und diversem weiteren Kleinkram. Im klinischen Studienabschnitt kommen dann EKG­ Lineale, Staubänder, Pupillenlampen und anderes „nützliches“ Zeug dazu; weit verbreitete Lehrbücher tragen das Logo eines auf Akademiker_innen spezialisierten Finanzdienstleisters. Auch die „Scheinfrei“­T­Shirts nach abgeschlossenem Studium tragen solche Logos, damit wir ja nicht vergessen wer uns durchs Studium begleitet hat und das auch in Zukunft tun wird.

Werbung wird dort eingesetzt wo sie sich auszahlt

Dass Firmen nicht aus purer Barmherzigkeit Geschenke für mittellose (Medizin­)Student_innen unter die Leute bringen, ist offensichtlich. Firmen handeln nach den Gesetzmäßigkeiten des Marktes und verfolgen das Ziel der Gewinnmaximierung. Das Sponsoring eines Abschlussballs mit ein paar tausend Euro ist so z.B. an die Teilnahme von Studierenden an sog. „Info“­Veranstaltungen der Sponsor_innen geknüpft. Es wäre naiv anzunehmen, dass das Kosten­ Nutzen­ Verhältnis dieser Veranstaltungen nicht zu­ Gunsten der Sponsor_innen kalkuliert ist. Denn auch wenn man diesen Dingen erst einmal nicht viel Bedeutung beimisst, geht von ihnen doch Einfluss auf unsere Entscheidungsbildung aus, der letztlich positiv in die Firmenbilanz eingeht. So sieht es auch mit dem banalen Kugelschreiberaufdruck des Medikamentes XY aus, denn dieser Aufdruck schafft Aktualität für ein bestimmtes Produkt ein viel beworbenes Produkt wird als Kauf­ bzw. Verschreibungsalternative zu anderen Produkten ins Spiel gebracht. Wenn dann während des Ausfüllens des Rezeptes an dieses Medikament XY gedacht wird, obwohl es sinnvollere Alternativen gibt, ist eine Etappe des Be­einflussungsprozesses schon erreicht. Des Weiteren tragen Werbegeschenke, kostenlose Mahlzeiten, gesponserte Vorlesungen und Fortbildungen sowie der direkte Kontakt mit Pharmavertreter_innen dazu bei, das Gefühl einer persönlichen Verbundenheit der Ärztin oder des Arztes zum entsprechenden Pharma­ unternehmen aufzubauen. Diese Dinge fallen in den marketingstrategischen Bereich der emotionalen Bindung an ein Produkt. Hierbei sind auch Werbeartikel von geringem Wert wie der eben beschriebene Kugelschreiber nicht zu unterschätzen. Es existiert kein Schwellenwert, unter dem Werbegeschenke keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf Einstellung und Verhalten einer Person hätten. Einer der Gründe hierfür ist die sogenannte Reziprozitätsregel: Auf ein Nehmen hat ein Geben zu folgen. Diese Regel ist Grundlage von sozialem Verhalten in Gesellschaften und wird dementsprechend früh und tief verinnerlicht, was sich die Werbepsychologie zunutze macht. Auch das Wissen um diesen sozialen Mechanismus schützt nicht vor seiner Wirkung – im Gegenteil: Menschen, die sich der Reziprozitätsregel theoretisch bewusst sind, halten sich häufig auch in der Praxis für immun gegen Beeinflussungsversuche. Dabei wird dann vernachlässigt, dass sich die Einflussnahme auch unbewusst vollzieht.

Betrifft dies lediglich unsere privaten Konsum­entscheidungen so mag das lästig oder ärgerlich sein, aber spätestens mit Abschluss unseres Studiums tragen wir u.a. Verantwortung für die Medikamenten­verordnungen für unsere Patient_innen. Hier sollte unser primäres Interesse, die Gesundheit unserer Patient_innen, nicht durch Zuwendungen von pharma­zeutischen Unternehmen beeinflusst werden.

Bezeichnenderweise ist den meisten Mediziner_innen der manipulative Charakter von Werbegeschenken durchaus bewusst, eine Beeinflussbarkeit sehen sie aber vor allem bei ihren Kolleg_innen. Bezogen auf ihr eigenes Urteilsvermögen geben sich die meisten der Illusion hin von Zuwendungen profitieren zu können, ohne sich davon beeinflussen zu lassen. Dass man sich dabei selbst in die Tasche lügt und diese Annahme vor allem der Entlastung des eigenen Gewissens dient, wird daran deutlich, dass mit zunehmender Anzahl an Kontakten, die ein_e Mediziner_in zu Pharma­vertreter_innen hat, auch der Glaube an die eigene Unbeeinflussbarkeit wächst.

Fälschlicherweise wird aus Bequemlichkeit außerdem gern angeführt, dass Informationen über neue Medikamente größtenteils durch Pharmafirmen und ihre Vertreter_innen zur Verfügung gestellt werden. Hierbei gilt es zu bedenken, dass es sich bei Pharmavertreter_innen um Personen handelt denen es darum geht ihr Produkt möglichst gut zu vermarkten und nicht darum, unabhängige Informationen oder Alternativen zum eigenen Produkt zur Verfügung zu stellen. Deshalb müssen Informationen von Pharma­vertreter_innen immer kritisch auf ihren Inhalt geprüft werden. Zeitsparender und sinnvoller ist es jedoch auf unabhängige Arzneimittelzeitschriften zurückzugreifen und sich dort über Neuerungen zu informieren.

Natürlich kann man diese Einstellungen und bewusste Nicht­ bzw. Fehlinformation als individuelles Fehl­verhalten einzelner Firmenangestellter brandmarken, darf dabei aber nicht die gesellschaftliche Dimension des Problems ausblenden. Auch Leitlinien für die Behandlung einzelner Erkrankungen werden von Pharmafirmen mitgestaltet. Dies kann u.a. durch Sponsoring von an den Leitlinien beteiligten Autor_innen oder aber durch das Zurückhalten von negativen Studienergebnissen erfolgen. Gefährlich wird dies für Patient_innen, wenn sie aufgrund selektierter und somit verfälschter Studienlage oder von unkritisch handelnden Ärzt_innen Medikamente verschrieben bekommen, die ihnen mehr schaden als nützen, obwohl besser verträgliche Präparate zur Verfügung stünden.

Das Märchen von den hohen Forschungskosten

Weiterführend geben Pharmafirmen für gewöhnlich fast doppelt so viel für Marketing aus wie für die Forschung. Dies liegt unter anderem daran, dass nur 2% der neu entwickelten Medikamente einen deutlichen Vorteil zu den bereits auf dem Markt befindlichen Medikamenten bieten und fast 70% als überflüssig gelten, da bereits gleich gute oder sogar bessere Medikamente auf dem Markt sind. Nach marktwirtschaftlichen Prinzipien haben Pharmafirmen also wenig andere Möglichkeiten als durch aggressives Marketing, auf einem in Teilen übersättigten Markt, ihre „neuen“ teureren Produkte an die Ver­braucher_innen zu bringen, um größtmögliche Gewinne einzufahren. Die Pharmafirma Novartis z.B. hat 2007 einen Gewinn von 5,1 Milliarden Euro erwirtschaftet und wurde in den Jahren von 2001 bis 2008 mehrmals von der US­-Zulassungsbehörde FDA wegen irreführender Werbung verwarnt.

Als Argumentation für die hohen Arzneimittelpreise werden von den Pharmafirmen gerne die hohen Forschungskosten ins Feld geführt, schwer ver­ständlich, wo doch die Marketingausgaben höher als die Forschungsausgaben sind. Dies zudem vor dem Hintergrund, dass die kostenintensive Grundlagen­forschung von Universitäten aus öffentlichen Geldern getragen wird und sich die Pharmafirmen dann die „Rosinen herauspicken“ mit denen eine weitere Forschung gewinnbringend erscheint. Dabei werden primär Medikamente für Menschen in kaufkräftigen Regionen der Erde entwickelt. Gleichzeitig werden für die sogenannten „vernachlässigten Krankheiten“ kaum Medikamente entwickelt. Grund hierfür ist, dass die von diesen Krankheiten betroffenen Patient_innen keinen kaufkräftigen Absaztmarkt darstellen. Neu­entwicklungen auf diesem Gebiet finden dadurch in den meisten Fällen auf universitärer Ebene statt.

Der Grundstein wird schon im Studium gelegt

Trotz alledem scheinen die Berührungsängste gegen­über Sponsoring und Lobbyvertreter_innen bei (angehenden) Ärzt_innen verschwindend gering zu sein. Bestes Beispiel ist die O­-Phase, die streckenweise einer Kaffeefahrt für die Deutsche Ärzte Finanz, MLP, Medi­Learn und andere zahlungswillige Unternehmen gleicht. Auch Semesterpartys und der Sommerball der medizinischen Fakultät werden u.a. von den Finanzdienstleistern Deutsche Apotheker­ und Ärztebank und MLP gesponsert. Sogar die Semester­verteiler wurden schon als Werbeforum genutzt. Dreist ist hierbei, dass Werbung nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen, sondern als Information von Student_innen für Student_innen getarnt war. Teil­weise aber rufen Studierende auch ganz ohne Um­schweife dazu auf an Veranstaltungen teilzunehmen, wenn die Sponsor_innen eine Art Kopfgeld ver­sprochen haben. Selbst wenn es sich hier um Firmen und Dienstleister_innen aus Bereichen handelt, die eher den privaten Bereich betreffen, so wird hier doch der Grundstock für einen vollkommen unkritischen Umgang mit Vertreter_innen von wirtschaftlichen Interessen gelegt, der dann während des Studiums weiter ausgebaut wird ­ nur wenige Medizinstudierende haben während ihres Studiums keine Werbegeschenke von Pharmafirmen angenommen.

Sich deshalb nun aber nur als Opfer von Pharmafirmen zu fühlen und darzustellen wäre verlogen. Solange es von Seiten der Mediziner_innen weiterhin einen dermaßen unkritischen und/oder vorteilsorientierten Umgang mit Pharmafirmen gibt, wird sich u.a. auch an den Marketingstrategien, den Medikamentenkosten und den Forschungsschwerpunkten der Pharmafirmen nichts ändern. Zudem werden Patient_innen immer Gefahr laufen Medikamente aufgrund von gezielter Werbung erhalten zu haben, z.T. ohne dass sich die verordnenden Ärzt_innen dessen bewusst sind.

Wer sich weitergehend über Ausmaß von Pharma­lobbyismus, Taktiken der Pharmaunternehmen und Initiativen gegen Einflussnahme der Medikamenten­hersteller_innen auf Ärzt_innen informieren möchte, dem empfehlen wir die Internetseite des Vereins „MEZIS – Mein Essen zahl' ich selbst“ http://www.mezis.de/ oder der „BUKO Pharma­Kampagne“ http://www.bukopharma.de/.

Solange eine Pharmaindustrie existiert, die nicht primär für Patient_innen produziert sondern für die eigene Gewinnmaximierung, ist es nicht unhöflich,…

  • … Pharmavertreter_innen vor der Tür stehen zu lassen.
  • … sog. „Info“broschüren zurückzuweisen.
  • … sein Essen selbst zu zahlen.
  • … statt Werbeplakaten Bilder an die Wand zu hängen.
  • … Veranstaltungen firmenunabhängig durchzuführen.
  • … seine Zeit sinnvoller zu verwenden, als sie mit der Aufnahme von interessen­gefärbten Informationen zu verschwenden.

Gesundheitsversorgung für alle?!

Schon bei den kleinsten Beschwerden gehen wir zum Arzt. In der ZEIT war vor kurzem zu lesen, dass die Menschen in der BRD durchschnittlich dreizehn Mal im Jahr eine_n Arzt/Ärztin aufsuchen. Die Debatten um die Gesundheitsreform hat die allgemein verbreitete Angst, zu kurz zu kommen, noch zusätzlich geschürt. Dabei vergessen wir oft, wie hoch unsere Standards tatsächlich sind, vor denen wir debattieren. Letztendlich ist es doch so: Wenn wir krank sind, wird sich um uns gekümmert, eine medizinische Grundversorgung ist den meisten Staatsbürger_innen gesichert. Das gilt jedoch nicht für Menschen ohne Papiere, Menschen, die mitunter große Risiken auf sich genommen haben, um dem Elend oder der Verfolgung in ihren Heimatländern zu entkommen. Migrationforscher Holk Stobbe (Mitglied der Initiative Gesundheitsversorgung für alle) berichtet, dass es auch hier in Göttingen, also in unserer unmittelbaren Umgebung, hunderte solcher Menschen gebe, für die das Grundrecht auf medizinische Versorgung anscheinend nicht gelte.

Asyl in Deutschland - Ein Ding der Unmöglichkeit

Zum sechsten Mal in Folge ist die Zahl der Asylanträge in Deutschland deutlich gesunken. Wen wundert das, wenn doch nur 0.8 % aller Anträge anerkannt werden? Das Asylrecht für politisch Verfolgte ist in Deutschland eigentlich ein im Grundgesetz verankertes Grundrecht, die Änderung des Art. 16a GG im Jahr 1993 („Asylkompromiss“) schränkte es jedoch erheblich ein: Insbesondere können sich Ausländer_innen, die über einen Staat der Europäischen Gemeinschaften oder einen sonstigen sicheren Drittstaat einreisen, nicht auf das Asylrecht berufen. Asylanträge von Menschen, die aus so genannten sicheren Herkunftsländern stammen, werden in der Regel als offensichtlich unbegründet abgelehnt. Oft passiert es sogar, dass traumatisierte Flüchtlinge, die zunächst nicht in der Lage sind, über ihre Erlebnisse zu sprechen, später als nicht glaubwürdig abgelehnt werden. Untersuchungsergebnisse von behandelnden Ärzt_innen werden häufig als Gefälligkeitsgutachten bezeichnet und angezweifelt.

Durch die immer schwerer zu überwindenden Hürden für eine reguläre Einreise, suchen Migrant_innen andere Wege, um dennoch bleiben zu können. Statt unter drastischer Einschränkung ihrer Rechte eingesperrt zu werden und auf ihre Abschiebung zu warten, tauchen viele Flüchtlinge unter. So werden sie zu Illegalen gemacht.

Nach Verfolgungs-, Folter- und Kriegserfahrungen in ihren Herkunftsländern, setzen viele von ihnen bei dem Versuch, nationale Grenzen zu überwinden, ihr Leben aufs Spiel. Beinahe täglich ertrinken Menschen „vor den Toren Europas“. Diejenigen, die es schaffen, leiden meistens an Unterernährung und Mangelerscheinungen. Hier gilt es so schnell wie möglich eine Möglichkeit zu finden, Geld für das Nötigste zu verdienen. Häufig werden

Illegalisierte daher für gefährliche Arbeiten missbraucht, für die Hungerlöhne gezahlt werden, da sie ja keinen gesetzlichen Regelungen unterliegen. Im Fall einer Verletzung sind sie natürlich nicht versichert. Zudem werden sie oft Opfer von Gewalt, wenn Arbeitgeber_innen die Schutzlosigkeit ihrer Angestellt_innen ausnutzen und meist leben sie in engen, heruntergekommenen Unterkünften. All diese Bedingungen sind krankheitsfördernd.

Menschenrechte außer Kraft!?

Was also aber geschieht, wenn illegalisierte Menschen tatsächlich krank werden? Interne Kontrollen im deutschen Gesundheitswesen schließen „Sans Papiers“1 von den Leistungen des öffentlichen Gesundheitssystems aus, um ihnen den Aufenthalt zu erschweren oder unmöglich zu machen. Um sich in einer gesetzlichen Krankenversicherung versichern zu können, braucht man eine Aufenthaltsgenehmigung. Viele haben im Krankheitsfall Angst, sich an Krankenhäuser zu wenden, da diese Übermittlungspflichten unterliegen, wodurch zwangsläufig die Daten der „Sans Papiers“ an die Ausländerämter weitergemeldet würden, die dann ihren Status überprüfen und eine Ausweisung einleiten könnten.

Ärzt_innen bewegen sich in diesen Fällen in einer rechtlichen Grauzone.2 Der so genannte Schlepper-Paragraf (§96 Zuwanderungsgesetz) sieht eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren für die wiederholte und zu Gunsten mehrerer Ausländer_innen stattgefundene Hilfe zum irregulären Aufenthalt vor. Mit diesen Regelungen zur Gesundheitsversorgung und Denunziationspflicht ist Deutschland europäisches Schlusslicht in Fragen der humanitären Versorgung von „Illegalen“1.

Loyalitätskonflikte bei der Behandlung von Illegalisierten

Eine Verweigerung von medizinischer Hilfe steht jedoch im Gegensatz zur ärztlichen Berufsethik. Ebenso werden Probleme der Politik auf die Ärzteschaft abgeladen und Ärzt_innen zu „Mittäter_innen“ gemacht, wenn von ihnen verlangt wird, bei der Abschiebung behilflich zu sein. So werden von ihnen Flugbegleitung, zwangsweise Verabreichung von Psychopharmaka oder die Ausstellung einer Reisefähigkeitsbescheinigung verlangt. Bekannt ist der Fall von Kola Bankole geworden: Nach massiver Gegenwehr gegen seine Abschiebung wurde ein Arzt vom Bundesgrenzschutz hinzugezogen, um ihn ruhig zu stellen. Nach der Verabreichung des Beruhigungsmittels starb Bankole. Der Arzt musste sich alleine vor Gericht für seinen Tod verantworten.

Es ist möglich einen Krankenschein beim Sozialamt zu erhalten, allerdings besteht hierbei die konkrete Gefahr der Abschiebung! Die genannten Daten werden nämlich an die Ausländerbehörde weitergeleitet. Ob dieser Krankenschein dem Betroffenen überhaupt zusteht, entscheiden jedoch Beamte, die über keine medizinischen Fachkenntnisse verfügen. Zudem werden Psychotherapien und viele Medikamente wie z. B. solche für chronisch Kranke aber nicht übernommen. Einige leihen sich in ihrer Angst Krankenkassenkarten von Verwandten oder Bekannten, wobei sie aber ebenfalls ständig Gefahr laufen aufzufliegen, wenn zum Beispiel herauskommt, dass ein Blinddarm zwei Mal entfernt wurde.

Viele trauen sich aus diesen Gründen jedoch auch gar nicht zum Arzt zu gehen und versuchen sich stattdessen nach Möglichkeit selbst zu versorgen. Was daraus resultiert, sind verschleppte Krankheiten, die klein anfangen und in dem Stadium noch leicht behandelbar wären, die jedoch mit der Zeit gefährlich oder gar lebensbedrohlich werden können.

Helfen, jetzt!

Glücklicherweise gibt es Organisationen wie die Medizinische Flüchtlingshilfe Göttingen, deren zumeist ehrenamtliche Mitarbeiter sich ihrer annehmen und versuchen, Ärzt_innen zu finden, die sie trotz ihrer „Illegalität“ unentgeltlich behandeln. Doch auch sie können die fehlende politisch-gesellschaftliche Lösung nicht ersetzen.

Wie kommt es überhaupt, dass Menschen, die sich auf der Flucht befinden, unterstellt wird, sie kämen, um uns um unseren hart erarbeiteten Wohlstand zu bringen? Es ist wahr, dass Asylbewerber_innen nicht arbeiten gehen, weil unser Staat ihnen keine Arbeitserlaubnis gibt! Und ist uns denn immer noch nicht klar, dass keiner dieser Menschen seine Heimat ohne Grund verlässt? „Überfremdungs“-Angst öffnet die Pforten für eine Privilegierung von rechten Ideen. Dabei sollten wir uns fragen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die es einigen motivierten Mitarbeiter_innen und der Hilfsbereitschaft einiger Ärzt_innen überlässt, wirklich allen Menschen Grundrechte, wie das auf medizinische Versorgung zu garantieren.

Es ist leicht zu sagen: Alle Menschen sind gleich. Die Konsequenzen daraus zu ziehen, stellt jedoch immer wieder eine große Herausforderung an jeden von uns.

Weitere Infos unter: http://www.mfh-goe.org/

1 Sammelbegriff für „papierlose Menschen“ die aus unterschiedlichsten Ethnien stammen und die eine staatliche Entrechtung verbindet

2 BAK – im dt. Ärzteblatt Merten, Martina – Artikel: Migranten: BÄK unterstützt Grünen-Vorstoß PP 5, Ausgabe August 2006, Seite 342
„Die Bundesärztekammer (BÄK) hat sich erneut dafür ausgesprochen, den Zugang von Ausländern ohne legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland zur ärztlichen Grund- und Notfallversorgung zu verbessern.“


Ein Herz für Ratten!

Wenn es um Tierversuche für Kosmetikprodukte oder schöne Pelzmäntel geht, sind sich die meisten heutzutage ziemlich einig: auch die Würde eines Tieres ist unantastbar und mit solchen unnötigen Tierquälereien möchten wir nichts zu tun haben. Doch wie sieht das mit umstritteneren Projekten aus? Medikamentenversuche? Forschungsprojekte? Darf mensch im Dienste der Wissenschaft Tiere töten? Kann man das überhaupt vermeiden? Und darf ein_e Student_in im Rahmen seiner/ihrer Ausbildung Tiere töten? Die Antwort der Zoolog_innen ist hierauf ziemlich eindeutig: ja. Tierversuche seien leider schon im Studium unerlässlich. Dies wird auf den Wahlbögen zum Praktikum unmissverständlich dargelegt und so wird sich auch dieses Semester der weitaus größere Teil von euch wieder für die Rattenpräparation angemeldet haben.

Da aber noch nicht aller Tage Abend ist und man sich ja zum Glück noch einmal um entscheiden kann, möchten wir an dieser Stelle ein paar Argumente für das Herzpraktikum anführen.

Den meisten ist gar nicht bewusst, wie hilfreich dieses oft verschmähte Alternativangebot für die darauf folgenden Semester sein kann. Das Herz-Kreislauf-System wird noch so einigen Kopfschmerzen bereiten, ist es doch relativ kompliziert und die Embryologievorlesungen schwer zu verstehen. Wie entwickelt sich das Herz von einem Schlauch zu einem vierkammerigen Organ? Was sind Pharyngealbogenarterien? Warum gibt es beim Embryo eine Verbindung zwischen den beiden Vorhöfen, die beim Erwachsenen wiederum lebensbedrohlich sein kann? Was also sind die Unterschiede zwischen embryonalem Kreislauf und dem des Erwachsenen? …viele Fragen, die mit Kenntnissen über die stammesgeschichtliche Entwicklung dieses Organsystems leichter beantwortet werden können. Auch wenn das Skript auf den ersten Blick schwerer erscheinen mag; wer sich einmal durchgekämpft hat, ist später klar im Vorteil. Was viele auch nicht wissen: Zu dem Schweineherz gibt es auch eine Lunge samt Speiseröhre und an so großen Organen kann man doch deutlich mehr sehen als an kleinen Ratten. Entgegen einiger Gerüchte gibt es inzwischen sogar genug Altklausurfragen fürs Herz, so dass man auch im Hinblick auf die Klausur keinen Nachteil hat.

Für die Zoolog_innen ist die Rattenpräparation ein „inhaltlich unverzichtbarer Lernzweck im Praktikum“. Abgesehen von der Frage, ob man überhaupt Tierversuche in der Wissenschaft befürworten möchte, muss man sich einmal fragen, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse einem der Tod dieser Tiere bringt. Werden wir durch diese Präparation wirklich bessere Ärzt_innen? Für unser späteres Arztsein wird dieser eine Tag in unserem Leben wohl kaum einen Unterschied machen, im 2. Semester folgt der Präpkurs und auch da wird man in der Lage sein, „sich einen Überblick über das Organsystem der Säuger zu verschaffen“. In der Pathologie wird man sich mit obduzierten Leichen beschäftigen und so ebenfalls die Gelegenheit bekommen, „frisch totes Gewebe“ zu sehen. Man muss also keine Angst haben, ein schlechterer Arzt zu werden, wenn man diese Gelegenheit an sich vorbeiziehen lässt. Das haben Unis wie zum Beispiel Hamburg auch eingesehen und die Rattenpräparation ganz gestrichen.

Gestehen wir uns also ein, dass die Teilnahme an diesem Kurs also doch mehr aus persönlicher Neugierde als aus wissenschaftlichen Gründen erfolgt. [Kann man unsere Arbeit überhaupt schon als wissenschaftlich bezeichnen, nur weil wir seit ein paar Wochen einen Studentenausweis besitzen?]

Sicherlich kann man das Töten von Tieren nicht immer verhindern. Trotzdem besteht für uns ein Unterschied darin, ein Tier vorsätzlich oder aus Versehen zu töten und auch ob man ein Tier „nutzenorientiert“ oder aus Neugierde tötet.

Wir haben nicht immer die Wahl. [Es wird wohl auch keine direkten Auswirkungen auf die Massentierhaltung bei Mc Donalds haben, wenn ein paar Medizinstudent_innen anfangen, Cheeseburger zu boykottieren] Hier haben wir allerdings die Wahl. Es werden konkret für uns Tiere getötet. Sollten nicht gerade wir als Medizinstudent_innen eine „Erfurcht vor dem Leben“ entwickeln?

„Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt.“ „Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift also alles in sich, was als Liebe, Hingabe, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben, bezeichnet werden kann.“ (Albert Schweizer)


Die Strategie der Schnecke

Wer kennt es nicht? Das Gefühl nicht erwünscht zu sein. Das Gefühl nicht akzeptiert zu werden, weil deinem Gegenüber deine Nase, deine gute Laune, dein gutes oder seiner Meinung nach eben dein schlechtes Aussehen nicht passt. Deinem Gegenüber/deiner Gegenüberin passt es nicht, dass du Kritik äußerst oder dass es dich nicht stört nicht in Kleidergröße 36 zu passen. Du wirst diskriminiert, weil du homosexuell bist, weil du keinen deutschen Pass hast oder du zwar die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, aber eben nicht das „entsprechende“ Aussehen dazu. Vielleicht bist du aber auch wunschlos glücklich (wenn es das denn gibt) und möchtest, dass es anderen auch irgendwann so gehen wird und vielleicht bist du auch gar nicht von strukturellen Unterdrückungsmechanismen betroffen (wenn es das denn gibt), die leider überall in jeder und somit auch in dieser Gesellschaft (Homophobie, Patriarchat, Sexismus, Antisemitismus, Rassismus oder Ausgrenzung durch Armut) zu finden sind und somit auch hier in Göttingen. Dennoch fühlst du oder kommst du vielleicht irgendwann in die Situation, dass es Leute in deinem Umfeld gibt, die dich nicht mögen aus welchen Gründen auch immer.

Angesichts dieser Ungerechtigkeit fragst du dich vielleicht, unter welchen Umständen und aus welchen Gründen sich derartige Aversionen gegen dich und gleichermaßen Betroffene entwickeln. Eine schwierige Frage, auf die es viele Antworten gibt und deren dezidierte Beantwortung in diesem Text leider nicht möglich sein wird. Allerdings möchten wir im folgenden Text davon berichten wie an der Universität Göttingen ein linker Freiraum, das Autonomicum, geschaffen wurde, nicht nur mit dem Ziel konkret Lebensumstände zu verbessern, sondern auch um dafür ursächliche gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zu reflektieren und zu ihnen alternative Lebensweisen und Einstellungen zu entwickeln. Der Versuch eben, oben beschriebene Ausgrenzungsmechanismen zumindest in Orten, an denen wir uns gerne aufhalten, zu beseitigen.

Ein kurzer Rückblick

16.1.08: Eine schnell anwachsende Gruppe Studierender hat im Übergang zwischen ZHG und Blauem Turm einen Raum besetzt und ist einfach nicht rausgegangen. Verzweifelt redeten der Chef des Gebäudemanagements und Vizepräsident auf die Besetzer_innen ein, ihr Vorgehen sei illegal und könne nicht geduldet werden. Ihr Verhalten sei dafür um so legitimer und das sei ihnen auch alles ziemlich schnurz, was die Kolleg_innen vom Präsidium so finden würden, antworteten die Studierenden.

Das fanden auch andere. Der Raum wurde gut genutzt, gewann Sympathien und wurde schließlich in einer frühmorgendlichen Polizeiaktion geräumt. ‘Das musste sein, wir brauchen den Raum‘, befand das Präsidium. Um ihn dann bis zum nahenden Semesterende zu sperren. ‘Wir brauchen den Raum auch‘, befanden die Nutzer_innen des Raumes – und zogen mit einer kraftvollen und entschlossenen Demonstration durch die Stadt, ließen sich auch von der Polizei nicht am Betreten des Campus abhalten – und standen schließlich wieder vor dem Raum, aus dem sie gerade heraus getragen wurden.

Auf eine Wiederbesetzung eines oder mehrerer Räume wurde verzichtet – doch die Botschaft war eindeutig: das lassen wir nicht mit uns machen. Wir wollen einen Raum, wir werden ihn uns nehmen und ihr könnt im Zweifelsfall auch nichts dagegen tun. Die Stimmung war gut und es herrschte allenthalben Entschlossenheit. Was auch am Präsidium nicht spurlos vorbeigezogen ist. Bereits am nächsten Tag hieß es, nun seien Lösungen möglich, die gestern noch nicht möglich gewesen seien.

Und so zogen sich die verantwortlichen Menschen zur Klausur zurück – und präsentierten einen neuen Raum. Neu, weil es ihn vorher noch nicht gab. Seitdem ist der Raum, das Autonomicum, zu finden im Erdgeschoss des Blauen Turms und jede_r, die_der Interesse an herrschaftsfreien Orten hat ist herzlich willkommen.

Free for all and all for free

Alles schön und gut denkst du dir vielleicht. Am 16.1.08 haben studentische Proteste also bewirkt, dass ein Raum für die Studierenden eingerichtet wurde. Doch was war das Ziel hinter diesen Protesten? Und was ist das besondere an diesem Raum? Zur Beantwortung dieser Fragen folgt ein kurzes Interview mit einer der damaligen Besetzer_innen.

Welches Ziel verfolgst du mit der Schaffung von linken Freiräumen wie dem Autonomicum?

Dass diese Welt nicht perfekt ist, weiß denke ich jede_r. Dass sie daher verändert werden sollte, ist folglich auch nicht schwer nachzuvollziehen. Die Frage nach dem Wie, ist leider schwieriger zu beantworten.

Die Schuld an den gesellschaftlichen Verhältnissen anderen in die Schuhe zu schieben ist nicht nur verkürzt, sondern ignoriert, dass jede_r Einzelne Teil dieser Verhältnisse und ihrer ständigen Reproduktion ist. Die Veränderung des großen Ganzen sollte also u. a. auch mit der Veränderung von jeder Einzelperson beginnen. Dazu braucht es herrschaftsfreie Räume, in denen die Möglichkeit besteht gesellschaftliche Verhältnisse zu reflektieren, Alternativen auszuprobieren und sich in der Selbstorganisation zu üben. Räume, die nicht nach kapitalistischen Maßstäben betrieben werden, sondern in der jede_r die Möglichkeit hat anwesend zu sein, auch wenn sie/er kein Geld hat um den Kaffee zu zahlen.

Außerdem kann ein Freiraum konkret die Lebensrealitäten der Studierenden verbessern. Es ist doch schön, einen Raum in der Uni zu haben, an dessen Einrichtung mensch selbst mitgewirkt hat, wo ich mein Brot in den Kühlschrank legen kann, damit der Aufstrich noch frisch ist, wenn ich es nach 4 Stunden Uni dann endlich verzehren will,wo ich etwas zu trinken bekomme, auch wenn ich mein Geld zu Hause vergessen habe oder wo ich einfach nur nette Leute treffe mit denen ich gerne meine Pause auf einem gemütlichen Sofa verbringe anstatt auf einem harten Stuhl.

Und wenn es einem_r nur darum geht informiert zu sein über Hochschulpolitik oder kritische Verantstaltungen in der Stadt, die nichts mit Hochschulpolitik zu tun haben, lohnt sich ebenfalls ein Abstecher ins Autonomicum, wo ein Haufen Infomaterial vorzufinden ist.

Wie wird versucht Herrschaftsverhältnisse zu minimieren?

Wir versuchen das über die „Verwaltungsstruktur“ des Freiraums zu erreichen. Organisatorische Aufgaben wie das Einkaufen von Kaffee etc. wird durch die verschiedenen Basisgruppen oder Einzelpersonen erledigt, was aber keineswegs bedeutet, dass diese darüber bestimmen können, was im Freiraum passiert. Entscheidungen werden im Freiraumplenum getroffen. In diesem werden gemeinsam alle Probleme besprochen, die ins Plenum hineingetragen werden, Lösungen gefunden, Aufgaben verteilt und verschiedene Regeln für das Zusammenleben erarbeitet. Das Plenum ist offen für alle Leute. Daher ist gewährleistet, dass jede_r die Möglichkeit bekommt mitzubestimmen.

Glaubst du bzw. beobachtest du, dass Freiräume frei sind von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen?

Es wäre ignorant zu behaupten, dass es in einem linken Freiraum keine Herrschaftsmechanismen gäbe. Menschen werden unterschiedlich sozialisiert (z.B. eher männlich oder eher weiblich) und bringen daher unterschiedlichste Grundvoraussetzungen mit in ein Projekt wie den Freiraum. Ungleichgewichte entstehen z.B. weil sich das Redeverhalten von Menschen unterscheidet, Persönlichkeitsstrukturen verschieden sind (Unsicherheit versus Dominanz), oder Wissenshierarchien infolge unterschiedlichster Erfahrungen bestehen.

Diesen Problemen versuchen wir zu begegnen indem alle Leute in die Diskussionen einbezogen werden, wir gemeinsam Gesprächsregeln erarbeiten und versuchen zu gewährleisten, dass Probleme offen kommuniziert werden können. Je mehr Leute sich also an den Plena beteiligen und auf Probleme aufmerksam machen, desto besser können nicht offensichtliche Herrschaftsstrukturen aufgedeckt und diskutiert werden.

In der Vergangenheit wurde beispielsweise besprochen, dass homophobe, rassistische oder sexistische Aussagen oder Übergriffe (hierbei gilt als wichtigstes Prinzip die Definitionsmacht der Betroffenen) im Freiraum nicht geduldet werden sollen. Falls dieser Vereinbarung nicht nachgekommen wird, kann das gegebenenfalls zum Ausschluss von Personen führen.

Alles in allem denken wir, dass durch diesen Anspruch der Freiraum zwar nicht frei ist von Herrschaftsverhältnissen. Allerdings bietet er vielmehr als andere Orte in dieser Gesellschaft, Leuten die sonst eher ausgeschlossen sind, die Möglichkeit zur Mitbestimmung.

Wie können Einzelpersonen am Freiraum mitwirken?

Zunächst gibt es natürlich das Freiraumplenum an dem Leute, die Interesse haben, teilnehmen können. Darüber hinaus werden immer Menschen gebraucht, die für eine Woche die Verantwortung für Einkäufe, Putzen, das Blumengießen oder andere Besorgungen übernehmen. Kreative Ideen sind immer erwünscht. Falls du also eine Idee hast, was im Freiraum verändert werden könnte, trag deinen Wunsch einfach ins Plenum hinein.

Ort: ZHG, Blauer Turm, Erdgeschoss


Vorsicht! - Zimmer frei

Göttinger Verbindungen locken männliche Studenten mit billigen Zimmern und dubiosen Methoden in ihre Häuser: Wohnen bei „Ehre-Freiheit-Vaterland!“

Das Studium beginnt mit einem oft frustrierenden Part, der Wohnungssuche. Ein angespannter Wohnungsmarkt zu Semesterbeginn und die späten Zusagen der ZVS machen diese Suche nicht selten zum Martyrium. Umso mehr erfreut ist Mann natürlich, wenn im Internet oder am schwarzen Brett folgendes offeriert wird:

„21m2, 110€, männlicher Mitbewohner gesucht: Wir haben einen sehr großen Garten, der sehr ruhig ist […]. Verschiedene Zeitungsabos, DSL 16000 und Telefonflatrate sind vorhanden und bis zur Uni brauchst du zu Fuss nicht mehr als 5min […]. Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen was die Interessen und Studienrichtungen angeht (Jurist, Chemiker, Historiker, Politologe…). Wir sind keine Zweck-WG und kommen alle sehr gut miteinander aus und unternehmen sehr viel zusammen. Wenn dich das ansprechen sollte komm einfach vorbei oder ruf an, wir würden uns freuen. Das Zimmer kann sofort bezogen werden.“

Burschenschaft Hannovera (pflichtschlagend, Deutsche Burschenschaft) unter http://www.studenten-wg.de/mietangebot_493944.html/

Erfreut sollte man jedoch nicht sein, sondern vielmehr verärgert, dass viele Verbindungen (unter ihnen auch die rechte, „pflichtschlagende“ Burschenschaft Hannovera) mit solch dubiosen Anzeigen auf Nachwuchsfang gehen. Die günstigen Preise, die außergewöhnlich gute Ausstattung („Gründerzeitvilla mit Billiardzimmer“) und die Suche nach ausschließlich männlichen Mitbewohnern sind deutliche Kennzeichen, dass es in einem Inserat um mehr geht als die Suche nach einem WG-Mitbewohner. Auch in diesem Semester genügt eine kurze Suche bei den einschlägigen WG-Suchmaschinen um mehr als zehn solcher Angebote, unter anderem von den Burschenschaften Germania und Holzminda (s.u.) zu finden.

Warum sollte man solche Anzeigen also besser vergessen und sich das billige Zimmer entgehen lassen?

Die archaische, auf Männlichkeit, Befehl und Gehorsam ausgerichtete Struktur der meisten Verbindungen sollte eigentlich abschreckend genug sein, aber sie ist leider häufig nicht von Beginn an zu erkennen. Neulinge, auch Füxe genannt, werden langsam in die Korporation integriert. Wer also gutgläubig an diese Verbindungen herantritt kann leicht von „guter Stimmung“, Gemeinschaftsgefühl und Luxusausstattung getäuscht werden.

Man kann natürlich nicht alle Verbindungen über einen Kamm scheren und Burschenschaften, Corps, Landsmannschaften, Studentenvereine, Sänger-, Jäger- und Turnerschaften, sowie die Christlichen Verbindungen gleichermaßen verurteilen. Die Vielzahl der unterschiedlichen Korporationen (allein in Göttingen an die 50) macht es zudem schwer eine differenzierte und fundierte Warnung zu formulieren, aber bei vielen ist tatsächlich Argwohn geboten.

Ihr solltet Vorsicht walten lassen, denn in Göttingen gibt es mehrere Verbindungen und Burschenschaften, die nicht nur das fragwürdige „Lebensbund-Prinzip“ vertreten, die „schlagend“ sind (also fakultativ oder pflichtgemäß fechten) und das Vaterland sowie das Patriarchat verehren, sondern auch solche, die mehr oder weniger offen mit rechtsextremen Gruppen und Persönlichkeiten der Gesellschaft verbunden sind (wie z.B. die Burschenschaften Hannovera und Holzminda).

Nicht alle Verbindungen sind rechtsradikal und einige nehmen auch Ausländer, Wehrdienstverweigerer und die wenigsten sogar Frauen auf. Dennoch ist immer wieder zu beobachten, dass sie Ausgangspunkt von Geschichtsrevisionismus, Sexismus, Diskriminierung von Ausländern, Soldatenkult und großdeutschen Träumereien sind.

Vor allem die Burschenschaften haben sich mit diesem Themen hervorgetan. Der zweitgrößte deutsche Verbindungsdachverband „Deutsche Burschenschaft“ (ca.14.000 Mitglieder 1997) „sieht das deutsche Vaterland unabhängig von staatlichen Grenzen in einem freien und einigen Europa, welches Osteuropa einschließt.“1 Und sagt, dass das „Burschenbrauchtum immer auf eine bestimmte männliche Gruppe abgestimmt [ist]. Die menschliche Weltordnung ist auf das Männliche ausgerichtet”2. Ihm gehören Vereinigungen an, die so offen rechtsradikal sind, dass sie als verfassungsfeindliche Organisation eingestuft werden (z.B. die Danubia München). Auch die Göttinger Burschenschaften, die der „Deutschen Burschenschaft“ angehören, haben des Öfteren durch nationalistische Umtriebe und Einladung von Personen der rechten Szene auf sich aufmerksam gemacht.

Also liebe Kolleg_innen: Tut euch den Gefallen und schaut bei der Wohnungssuche genau hin! Null Toleranz für rechte Burschis!

Übrigens treffen sich die Mitgliedsverbände der „Deutschen Burschenschaft“ einmal im Jahr in Eisenach, um an das erste Wartburgfest 1817 und die Gründung der Urburschenschaft 1815 zu erinnern. Frauen sind hierbei lediglich als schmückendes Beiwerk geduldet. Ansonsten bestehen diese Tage hauptsächlich aus Trinken und mit den „Bundesbrüdern“ Reden über die achso herrliche Herrlichkeit des deutschen Mannes und der deutschen Nation schwingen. Natürlich nicht selten unter Anwesenheit gewisser Parteifunktionäre.

Wen dies stört, die_der sei auf folgende Seite verwiesen: http://gegenburschentage.blogsport.de/

1 Deutsche Burschenschaft, Grundsätze der Verfassung der deutschen Burschenschaft, Art.9

2 Burschenschaftliche Blätter 5/1980

Aus der Einladung einer Burschenschaft: „Bist Du hässlich, fett, krank oder fremd im Lande, bist Du von Sorgenfalten, Weltschmerz oder linksliberaler Gesinnung gepeinigt, trägst Du alternative oder Schickimicki-Kleidung – oder gar einen Ring im Ohr, studierst Du Publizistik, Pädagogik oder Theologie oder gar nicht, hast Du den Wehrdienst verweigert oder eine Freundin mit, die weder schön noch still ist, dann bleib lieber zu Hause. Du würdest sowieso nicht eingelassen werden!“ (Zit. nach AStA Uni Hamburg 2005)

Ein Großer Dachverband riet für die Mitgliederwerbung folgendes: „[…] mit Getränken enthemmen, emotionale Suggestivfragen stellen, schlechtes Gewissen im Fall des Nichtentschlusses erzeugen“
„[…] Freundin [des Anzuwerbenden, die Red.] heranziehen; Freundin ggf. eliminieren; über Verlust der Freundin trösten durch Aktivwerden [in der Verbindung, die Red.]“ (zit. nach: AStA Uni Bielefeld 2000)

Aus „Burschenschaftliche Blätter“ vom März 1933 zur Machtübernahme der NSDAP: „Die Deutsche Burschenschaft ist lange Zeit wegen ihrer scharfen Beschlüsse in der Judenfrage angefeindet worden […] Jetzt hat sie die Genugtuung, dass es eine deutsche Regierung gibt, die den Kampf gegen das Judentum auf der ganzen Linie aufgenommen hat“. (Zit. nach AStA Uni Hamburg 2005)


Unter die Lupe und ins Visier...

Augenmerk auf Nazistrukturen im Raum Göttingen

In Göttingen sind Rechtsradikale und andere „ausländerfeindliche“ Gruppen zur Zeit selten anzutreffen. Dies sah früher anders aus. Noch Ende der 80er Jahre wurden Migrant_innen, alternative Jugendliche oder Linke regelmäßig von Faschist_innen in der Innenstadt angegriffen. Nach vielen Protesten der Linken, teilweise militanten Aktionen der autonomen Antifa und steigendem Druck trotz zunehmender Repression gegen Antifaschist_innen, zog sich die Naziszene zurück. Seit 1990 gibt es kaum einen gesellschaftlichen Boden für Nazis in Göttingen. Verschiedenste linke Gruppen arbeiten vehement daran, dem offenen und (schwer greifbaren) gesellschaftlichen Rassismus etwas entgegen zu setzen, um rassistischen Gruppierungen gänzlich den Boden zu entziehen.

Doch wie sieht es überhaupt in Südniedersachsen aus? Was tut sich im Umfeld Göttingens? Wohin ist die rechte Szene ausgewichen? Ist Göttingen unantastbar?

Im April 2005 gab es in Verden einen Naziaufmarsch, diesem folgte ein weiterer im Juni 2005 in Braunschweig. Die Naziaufmärsche konnten nur mit polizeilicher Begleitung vonstatten gehen und wurden von Gegendemonstrant_innen stark eingeschränkt. So auch in Göttingen im Oktober 2005: Etwa 5000 Gegenaktivist_innen hinderten die ca. 200 Nazis mit einer Demonstration, Blockaden und brennenden Barrikaden daran, die geplante Route durch die Innenstadt zu nehmen und zwangen sie nach 250 Metern zur Aufgabe.

Auch 2006 gab es drei Anläufe von Nazis, in Göttingen Aufmärsche bzw. Kundgebungen zu veranstalten. Mehr als zwei von einem martialischen Polizeiaufgebot abgeschirmte Kundgebungen auf dem Bahnhofsplatz gelangen ihnen nicht.

Mitte 2007 trafen sich Nazis aus NPD und freien Kameradschaften in Scharzfeld im Harz weitgehend unbehelligt. 40 Kilometer südlich von Göttingen in Fretterode existiert ein Nazi-Treffpunkt in dessen Umfeld sich die aktive „Kameradschaft Northeim“ aufhält. Es existiert nach wie vor eine offene Naziszene in der ländlichen Region um Göttingen, seien es der Harz oder das Eichsfeld, Northeim oder das Weserbergland. Aktuell stellt der Südharz eine Schwerpunktregion der Naziszene in Niedersachsen dar.

Seit 2008 versuchen Nazis verstärkt, Treffpunkte in Göttingen, wie Beispielsweise in der Tabledancebar „Strip/Moon Light“, zu etablieren. Dies konnte bisher durch antifaschistischen Widerstand eingeschränkt werden. Im Novemder 2008 kam es zu einem Schusswaffenagriff von Nazis im „Strip/ Moon Light“. Die Nachfolgenden Hausdurchsuchungen der Polizei bei ca. 30 rechtsradikalen Personen in Südniedersachsen förderten u.a. weitere Schusswaffen und Munition zu tage. Zudem brannte im selben Jahr ein Afro-Shop in Göttingens Innenstadt ab. Diesem Brand ging rassistische Hetze voraus.

Am 4.2.2011 wurde ein Nazi und Holocaustleugner von Göttinger Antifaschist_innen geoutet. Dieser studierte Medizin an der Universität Göttingen. Er ist war drei Jahre zuvor unter dem Nickname „Priess“ im rechten Internetforum „Thiazi“ aktiv, in dem er seine rassistischen, geschichtsrevisionistischen und antisemitischen Ansichten verbreitet. Die Staatsanwaltschaft Göttingen leitete gegen den Nazi ein Verfahren wegen Verdachts auf Volksverhetzung ein. Dies macht deutlich was schon lange klar war: Nazistrukturen stellen für alle Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen, eine ernstzunehmende Gefahr dar und sie finden sich auch im unmittelbaren Umfeld.

Auch Burschenschaften sollten im rassistischen Kontext nicht außer Acht gelassen werden. Mehr dazu findet ihr in dem Artikel „Vorsicht, Zimmer frei!“ auf dieser Seite.

Fazit: Gerade angesichts der Enttarnung des Nazis an der Medizinischen Fakultät wäre es einfältig, anzunehmen, dass man hier in Göttingen mit Neonazis und Rassismus nichts zu schaffen hätte. Selbst die zahlreichen antifaschistischen Strukturen hier in Göttingen schützen nicht vor rassistischen Gedanken, Anfeindungen und Übergriffen. Deshalb ist es wichtig, nicht die Augen davor zu verschließen. Alltäglicher struktureller, gesellschaftlicher und offener Rassismus müssen bekämpft werden! Hier und Überall! Auch in Göttingen!

Hinweis: Infomaterial zu Nazistrukturen und -aktionen kannst du bei der BGMED oder im Roten Buchladen bekommen. Außerdem findest du aktuelle Infos und Termine in der „GöDru – Göttinger Drucksache.


Was mache ich heute Abend?

T-Keller, Café Kabale, Lumière
In der Geismarer Landstraße gelegen, alles im selben Gebäude. Das Kabale hat auch schon tagsüber auf, mehr Cafécharakter, es gibt auch Kleinigkeiten zu essen. Der T-Keller befindet sich, wie schon der Name sagt, weiter unten im Gebäude, Kneipe, auch Live-Musik, politische Veranstaltungen und Theater. Beides sehr gemütlich, Preise O.K. Ebenfalls im Gebäude das Lumière, Programmkino mit fast täglich wechselndem Programm, häufig Themenwochen, sehr zu empfehlen!

Juzi
Juzi = Jugendzentrum Innenstadt. Gaaanz wichtig. Trotz häufiger Bemühungen der Stadt, den Laden dicht zu machen, immer noch [seit über 20 Jahren] am Leben. Ausgangspunkt vieler politischer Aktivitäten, viele Konzerte [Ska, Punk, Hardcore], viele Parties [auch Indie, Reggae, Drum’n Base, whatever…], häufig von politischen Gruppen veranstaltet.

Salamanca
Kneipe mit sehr leckerer Küche (besonders die veganen und vegetarischen Sachen!) und Hammerfrühstück zu studentenfreundlichen Preisen und Zeiten. Am Wochenende allerdings manchmal sehr voll.

Schröders
Sehr klein, aber auch sehr nett. Schon ab mittags geöffnet, also sowohl Café als auch Kneipe. Am Wochenende wird auch Fußball gezeigt. Hat den Ruf den besten Caipirinha in ganz Göttingen zu machen…

HdK (Haus der Kulturen)
Göttingens interkulturelles Zentrum ist sowohl Sitz der Jugendhilfe Niedersachsen e.V., als auch Veranstaltungsort für Sprachkurse und Anlaufstelle für Migrant_innen und Flüchtlinge. Abends ist das Café dort Ort von Kleinkunst, Kultur- und Themenabenden und Partys.

Foyer International
Eine Einrichtung des Bereichs Studium International. Versteht sich als Treffpunkt für Studierende aus aller Welt und wird auch von Studierenden geführt. Im Semester neben Vorträgen und Länderabenden auch regelmäßige Veranstaltungen. Eintritt ist grundsätzlich kostenlos.

Musa
Neben einem umfangreichen Kurs- und Workshopprogramm finden hier Konzerte, Partys und diverse andere Veranstaltungen statt. 50 bildende Künstler_innen, 60 Musiker_innen und Tänzer_innen sind hier beheimatet.

Junges Theater (JT), Theater im OP (ThOP)
Für Leute, die auch mal gerne ins Theater gehen wollen, aber auf den Klassikkrams aus dem Deutschkurs gerade keinen Bock haben. Im JT kann mensch im Sommer auch nett draußen sitzen, zwischendurch finden dort auch Parties statt. Außerdem gibt‘s dort regelmäßig den Poetry Slam. ThOP ist eine studentische Initiative, hier darf sich jede®, die_der Lust auf Bühne, Technik, Dramaturgie etc. hat, beteiligen und an Produktionen mithelfen. [Das ganze findet im alten Präp-Saal der früheren Uni statt.]

Sonderbar
Ist eigentlich in den frühen Morgenstunden am besten besucht, wenn fast alles andere schon geschlossen hat. Eher klein, spätabends eher voll [Laden und Leute].

Déja vu
Während die meisten Kneipen um 2 Uhr schließen, hat das Déja bis morgens geöffnet. Hier treffen sich dann im Laufe der Nacht alle diejenigen, die noch nicht nach Hause wollen.


Studienordnung der medizinischen Fakultät Göttingen

Approbationsordnung für Ärzte_innen


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